Nicht verzweifeln: Das deutsche Steuerrecht ist unkomplizierter, als man denkt. Foto: Shutterstock

Mythos deutsches Steuerrecht

„Nichts in dieser Welt ist sicher, außer dem Tod und den Steuern.“ Niemand geringerer als Benjamin Franklin tat mit diesen Worten seine Ansichten zum Fiskus kund. So sicher Bürger Steuern zu zahlen haben, so sehr verunsichert dieses Thema viele Menschen – nicht zuletzt in Deutschland. Denn hier, so besagt der Mythos, gibt es das komplizierteste Steuerrecht der Welt. Was ist dran an der Mär?

Einzelfallgerechtigkeit zieht viele Rechtsprechungen nach sich

Hartnäckig hält sich das Gerücht, 60 Prozent der weltweiten Steuerliteratur sei auf Deutsch verfasst. Die Komplexität des deutschen Steuerrechts wird unterstrichen durch die Ergebnisse einer Studie der Weltbank und der Prüfungsgesellschaft PWC. Demnach benötigt ein deutscher Mittelständler 218 Stunden im Jahr für die Steuer, ein norwegischer dagegen hat alle Steuerangelegenheiten in nur 83 Stunden erledigt. Warum einfach, wenn’s auch kompliziert geht, mag sich manch einer fragen.

Ein Grund für die empfundenen Komplikationen ist laut Jens Henke, Steuerberater und Niederlassungsleiter der DBB DATA in Berlin, dass die deutschen Steuerdaten anders organisiert werden als z. B. die unserer skandinavischen Nachbarn. „Während man dort mithilfe einer zentralen Datenbank bequem auf alle steuerrelevanten Informationen zugreifen kann, gibt es eine derartige übergeordnete Organisation in Deutschland nicht“, so der Steuerexperte.

Auch die deutsche Gründlichkeit, die durch die Schaffung zahlloser Einzelfallregelungen zu einer scheinbar nicht enden wollenden Zahl von Ausnahmen im deutschen Steuerrecht führt, nährt den Mythos des kompliziertesten Steuerrechts der Welt. So sorgt das Streben nach Perfektion und Einzelfallgerechtigkeit durch die damit verbundenen Sonderregelungen und neuen Rechtsprechungen bei so manchem für Irrungen und Wirrungen.

In der Tat gilt das deutsche Steuerrecht als relativ unübersichtlich: Das Einkommenssteuerrecht kennt Ausnahmen von Ausnahmen von Ausnahmen. Immer wieder wird bemängelt, dass es keine Allgemeinverständlichkeit und keine Rechtsklarheit mehr gäbe. Auch die Steuergerechtigkeit wird in diesem Zusammenhang oft infrage gestellt.

Die Steuergesetzgebung wird in Zukunft noch schnelllebiger

Zwar geben auch Fachleute zu, dass im deutschen Steuerrecht der Hang zur Perfektion und das Streben nach Einzelfallgerechtigkeit ein wenig geringer ausfallen dürfte. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch: In anderen Industriestaaten ist das Steuerrecht nicht weniger kompliziert. In den USA ist es sogar deutlich komplexer, da sich hier die Gesetze von Bundesstaat zu Bundesstaat unterscheiden.

Glaubt man Experten, wie dem Wirtschaftswissenschaftler Gernot Brähler von der TU Ilmenau, so wird sich der Trend der vielen neuen Rechtsprechungen in Deutschland weiter fortsetzen. So sei statistisch gesehen damit zu rechnen, dass die Geschwindigkeit, in der Änderungen im Steuerrecht vorgenommen werden, sogar noch zunimmt.

Umso wichtiger ist es, einen Experten zum Thema Steuern an seiner Seite zu haben, der die Materie zuverlässig durchblickt. Auch für Fachleute ist das Thema Steuerrecht komplex – das macht es für sie jedoch in der täglichen Arbeit auch besonders interessant und reizvoll.

Die Komplexität des deutschen Steuerrechts stellt nicht unbedingt einen Nachteil dar: Eine starke Vereinfachung der Einkommenssteuer beispielsweise könnte schnell zu Konflikten mit anderen Arten der Besteuerung, etwa dem Leistungsfähigkeitsprinzip, führen. Insofern gibt es gute Argumente, zugunsten einer möglichst großen Gerechtigkeit, im Einzelfall auf Komplexität statt auf die Einfachheit von pauschalen Regelungen zu setzen.

Fazit

Der Mythos, das deutsche Steuerrecht sei das komplizierteste der Welt, stimmt also nur zur Hälfte. Zwar lässt sich nicht leugnen, dass es sehr komplex ist und es mancherorts simplere Systeme gibt, internationale Vergleiche zeigen aber schnell, dass sich das deutsche Steuersystem hier nicht nennenswert von anderen Industrieländern unterscheidet. Und die subjektiv empfundene Unübersichtlichkeit ist nicht etwa eine Schikane des Fiskus, vielmehr entspringt diese der Detailverliebtheit der Deutschen und ihrer allseits bekannten Gründlichkeit.

Auch das 60-Prozent-Gerücht lässt sich im Übrigen schnell aus der Welt schaffen. Die elektronische Analyse der Bestände der größten Steuerbibliothek der Welt in Amsterdam hat es eindeutig bewiesen: Nur 15 Prozent der weltweiten Literatur zum Thema Steuern ist auf Deutsch verfasst. Allerdings sind die Deutschen damit beim Umfang der Steuerliteratur trotzdem Weltmeister.